Sylvia Geist

im Februar:

Kerstin Hensel: Es ist der Welttrab

Wie vor Zeiten. Daß du mir ja nicht sagst:
"Ich mag dich leiden
Sehn." Es schmeckt mir sehr
Mit frischer Zunge
Dich fortzuküssen, das noch nie Gelungene.

Die großen Zeiten hängen
Aus zum Bleichen. Wir gehen auf -
Einander zu bis wir uns gleichen,
Bis wir uns EINMAL haben,
Und das liegt mir
IMMER auf. Ich fühle schwer, wie du
Dich leicht von uns erhebst.

Die Hunde kneifen, wenn du vor sie gehst.

aus: Kerstin Hensel. Gewitterfront. Lyrik. Mitteldeutscher Verlag, 1991


im Januar:

Günter Eich: Weitgereist

Gleich hinter Vancouver
beginnt der Wald,
beginnt nichts,
beginnt, worüber wir fliegen.

Alles nördlich, was du liebst,
ein Salzkorn für die  Waldläufer,
lederne Beutel, vielleicht
für Schwarzpulver, Gewürze, Tabak.

Was beginnt, geht sehr weit,
ein Rauch aus dem Böhmerwald,
ein Perspektiv, es gibt
wenig Menschen.

aus: Günter Eich. Anlässe und Steingärten. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1966